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EINE SPIRITUELLE INDISCHE ERZÄHLUNG


August 26th, 2007


In Indien gab und gibt es zwei Möglichkeiten, sich religiös zu bilden: einmal durch das Studium der heiligen Schriften oder durch das Lauschen der spirituellen Geschichten, die in den alten Puranas niedergelegt sind. Diese Geschichten stellen eine wahre Fundgrube für alle dar, die sich für indische Geschichte, Mythologie und Philosopie interessieren. Die Erzählungen sind für Alt und Jung inspirierend und werden in den Tempeln, aber auch in den indischen Familien vorgetragen.

VOM RICHTIGEN SCHENKEN

Im alten Indien herrschten einst zwei mächtige Königsgeschlechter, die Pandavas und die Kauravas. Der Herrscher der Pandavas Yudhistiera veranstaltete eine große, religiöse Opferfeier. Diese wurde mit großem Pomp und viel Würde ausgeführt und sollte ihm die Anerkennung aller Könige des Erdballes bringen. Alle Freunde, Verwandten und Brahmanen-Priester wurden reichlich beschenkt.

Friede herrschte auf der Erde während der Zeit der Opferfeier und jedermann pries laut den Ruhm des großen Pandava-Königs und himmlische Wesen ließen Blumen vom Himmel regnen.

Da geschah es auf wundersame Weise, daß plötzlich ein kleiner Hund in der königlichen Gesellschaft erschien, dessen Fell auf der einen Seite golden glänzte. Er sprach mit einer menschlichen Stimme: „Oh glorreicher König, das Opferfest, das du beendet hast und wofür du soviel Lobpreisung erhalten hast, ist nichts im Vergleich zu den Gastgaben eines armen Priesters in Kurukshetra!“

Jedermann im königlichen Gefolge war erstaunt und es wurden Fragen laut: „Wer bist du, woher kommst du und warum sprichst du so geringschätzig von dieser großen Opferfeier? Es wurden viele Gebete zu Gottes Ehre gesprochen. Viele wertvolle Geschenke wurden ohne Stolz verteilt und alle Bedürftigen wurden aufs Beste versorgt. Friede herrschte auf Erden. Alles war, wie es sein sollte. Warum also sprichst du so abwertend über dieses Opfer? Du scheint eine himmlische Erscheinung zu sein, sage uns bitte, was du als störend empfandest!“

Darauf lächelte der Hund und erwiderte: „Ich sprach nichts als die Wahrheit und auch nicht aus falschem Stolz oder um euch herabzuwürdigen. Aber höret die Geschichte, die ich einst erleben durfte:

Es lebte einst ein armer, aber rechtschaffener Brahmanen-Priester mit seiner Familie in Kurukshetra. Er lebte er von den Körnern, die er auf den abgeernteten Feldern einsammelte und von herabgefallenen Früchten. Er lebte bescheiden und gefestigt in den Regeln der Religion, ohne falschen Stolz und ohne Verlangen. Entsagt in seinen Gewohnheiten pflegte er nur eine Mahlzeit pro Tag zu sich zu nehmen. Und wenn es nichts zu sammeln gab und er keine Almosen bekam, so war er unverzagt, bis zur nächsten Mahlzeit am folgenden Tag.

Nun begab es sich, daß es in diesem Jahr eine grausige Dürre gab und das Korn verdorrte an den Halmen und selbst die bescheidensten Kräuter verdorrten am Boden. Das bedeutete viele Fastentage für die Familie des Brahmanen aus Kurukshetra.

Eines Tages im heißesten Monat gelang es dem Brahmanen eine Handvoll Körner und ein paar Blätter zu finden. Seine Frau und die Schwiegertochter mahlten das Korn zu Mehl und bereiteten mit den Blättern einen Brei zu. Nachdem er die bescheidene Speise Gott dargebracht und gesegnet hatte, verteilte er diese an seine Familie.

Gerade, als sie sich zum Essen niedersetzen wollten, kam ein wandernder Mönch zur Tür des Hauses und begehrte Einlaß. Der Brahmane war glücklich, sah er doch in jedem Gast Gott und damit die Gelegenheit, ihn zu verehren. So empfing er den Gast mit großer Herzlichkeit, gab ihm ein Kissen zum Sitzen und Wasser zum Waschen der Hände und Füße. Dann gab er dem Gast seinen Anteil der Speise und bat ihn, seinen Hunger zu stillen. Der Gast aß mit Freude, aber es war nicht genug und er war immer noch hungrig. Da sagte die Frau zu ihrem Mann: ‘Bitte gib unseren Gast auch meinen Teil, damit er zufrieden von uns geht.’ Der Brahmane zögerte, er sah seine Frau als Teil von sich und sie war noch schwächer als er selbst. Aber die Frau bestand darauf, mit ihrem Mann die Gabe zu teilen. Der Gast aß auch den Anteil der Frau und war darauf immer noch hungrig. Da gaben der Sohn und die Schwiegertochter bereitwillig auch ihre Speise an den Gast ab, damit dieser sich satt essen konnte.

Da offenbarte der Mönch seine wahre Identität: Es war Gott selbst in der Gestalt von Dharma, des göttlichen Aspektes der Gerechtigkeit und der religiösen Pflichten. Er war hocherfreut über die selbstlose Gastfreundschaft, selbst unter solchen Opfern. Er sprach: ‘Eure Gabe ist rein und in vollkommener Art und Weise gegeben. Die himmlischen Wesen besingen eure Opferbereitschaft als einzigartig. Ihr habt mit reinem Herzen gegeben und trotz eures eigenen Hungers behieltet ihr ein klares Verständnis von den Nöten der anderen. Unter normalen Menschen ist der Hunger ein mächtiger Feind von klarer Entscheidung. Damit habt ihr euch einen sicheren Platz im Himmel verdient. Der Himmel kann nur durch große Entsagungen und Opfer erlangt werden. Und eure Gabe ist wahrlich als größeres Opfer zu werten, als pompöseste Opferzeremonien aller reichen Könige. Kommt mit, göttliche Helfer bringen euch in ihren Luftschiffen zu den himmlischen Planeten.’ Damit verschwanden sie aus meiner Sicht.

Als ich dies alles sah und hörte, kam ich aus meinem Versteck. Dabei berührte ich mit meiner einen Seite etwas von dem Mehl, das zu Boden gefallen war und mein Fell färbte sich sofort golden. Um auch der anderen Hälfte einen goldenen Glanz zu geben, reise ich durch die ganze Welt und besuche alle großen Opferzeremonien. Ich besuche heilige Orte und Einsiedeleien der großen Weisen, aber nirgendwo konnte ich meiner anderen Hälfte jenen Glanz geben, den ich suche. Diese große Opferfeier von König Yudhistira war meine letzte, große Hoffnung. Ich rollte mich hier über den gesamten Platz, aber ohne Erfolg. Daher sprach ich meine Worte.“

Damit verschwand der wundersame Hund vor den Augen der erstaunten Hofgesellschaft.

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Mit dieser Geschichte soll zum Ausdruck gebracht werden, daß nicht der materielle Wert von Geschenken und Gaben ausschlaggebend ist, sondern die Liebe, mit der sie gegeben werden. Heutzutage ist etwas Zeit und ein Lächeln für den Nächsten schon ein wertvolles Geschenk, wenn es von Herzen kommt. Und das ist jedem möglich ohne großen Aufwand. Lächeln wärmt die Herzen. Zeit und Verständnis schenken, lindert die Einsamkeit.

Monika und Reinhart Schacker

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