AYURVEDA Das Gesundheitskonzept und Heilverfahren aus Indien
Autor: DR. MED. P. VISHWANATH RAI
Ein Geleitwort
Medizin als eine soziale Wissenschaft hat sich über Jahrtausende entwickelt. Jede Kultur hat zur Entwick-lung der Medizin beigetragen, vor allem im Sinne der verschiedenen Heilmethoden. Die allopathische Medizin, die heute synonym mit der modernen Medizin ist, hat ihren Ursprung in der griechischen Kultur. Die damaligen Exponenten der medizinischen Wissenschaft wie HIPPOKRATES und GALEN waren sowohl wissenschaftlich denkende, klinisch tätige Ärzte als auch Philosophen. Philosophie und Medizin waren seinerzeit wie die zwei Seiten einer Münze. Ein Praktiker oder Lehrer der Medizin musste auch die menschliche Philosophie beherrschen, um in der Heilung von Krankheiten effektiv mitwirken zu können. Mit der Entwicklung der naturwissenschaftlichen Fächer wie Physik, Chemie und Biologie kam es erst in den letzten Jahrhunderten zu einer Trennung von Medizin und Philosophie, da die Denkweisen in diesen zwei Bereichen anders geworden sind. Somit hat sich die europäische moderne Medizin auf experimentel-ler Basis vorwiegend als somatische Wissenschaft entwickelt. Sämtliche Heilverfahren, die man auf kli-nisch-experimentelle Art und Weise nicht beweisen konnte, wurden von der Schulmedizin zunächst als nicht nützlich abgelehnt. Dadurch kam es zu einer übertriebenen Betonung der somatisch-physiologischen Vorgänge als Korrelat zu den pathologischen Aspekten der Krankheit bzw. Krankheits-symptome. Extensive Grundlagenforschung, vor allem auf der Basis von Tierexperimenten, brachte viele neue Be-handlungsmethoden und Hunderte von pharmazeutischen Medikamenten zur Behandlung der menschli-chen Krankheiten. Dies führte vor allem in der Behandlung von akuten Infektionskrankheiten und im Be-reich der chirurgisch angehbaren Beschwerden zu großem Erfolg. Hingegen bleiben die Behandlungs-chancen bei den vielen chronischen und psychosomatischen Krankheiten, trotz der enormen Entwicklung der modernen Medizin, mangelhaft. In diesem Bereich besteht heute eine unbefriedigende Situation, wobei die betroffenen Menschen im Verlauf der Behandlung durch die moderne Medizin viel mehr an den Nebenwirkungen der Dauermedikation leiden als durch die primäre Krankheit.
Ayurveda hat sich über Jahrtausende als ein ganzheitliches medizinisches System entwickelt. Der wissen-schaftliche Stand der Ayurveda als Heilkunde in der Zeit zwischen 1500 v.Chr. und 500 n. Chr. war er-staunlich fortschrittlich. Die Aufteilung der verschiedenen medizinischen Fachbereiche entspricht etwa dem Stand der modernen Medizin vor knapp hundert Jahren. Im Gegensatz zur modernen Medizin, die vorherrschend ein therapeutisches Konzept entwickelt hat, präsentiert sich Ayurveda auf drei Ebenen der grundmenschlichen Bedürfnisse. Gemäß der Definition von Ayurveda als Wissen oder Wissenschaft vom Leben bestehen drei Basismöglichkeiten.
* Erhaltung der eigenen Gesundheit
* Bewusstwerdung des Ursprungs des Lebens
* systematisches Vorgehen hinsichtlich der Diagnose der Krankheiten und
der Behandlung von kranken Menschen im Sinne einer Heilkunde
Das Konzept der grundkonstitutionellen Tridosha-Theorie von Vata, Pitta und Kapha wurde über Jahrtausende hinweg klinisch erprobt und durch die diagnostischen und therapeutischen Resultate bestätigt. Auch wenn die Tridoshas nach der heutigen wissenschaftlichen Terminologie nicht richtig über-setzbar sind, wären sie als basisphysio-psychologische Vorgänge im menschlichen Körper zu betrachten. Diese Aufteilung ist insoweit verständlich, als Ayurveda den menschlichen Organismus primär als eine untrennbare Einheit und sekundär nach den Organen und Systemen beurteilt. Ein interessanter Aspekt von Ayurveda ist, dass die verschiedenen Therapien einschließlich der herbalen und mineralischen Medikamente gezielt auf die inhaltlichen Komponenten von Tridosha korreliert sind, d.h. einander bedingen, um in gegebenem Fall eine antagonistische und dadurch stabilisierende Auswir-kung auf die Tridoshas zu haben. Dieses Prinzip ist deshalb wichtig, weil die auf die Tridoshas abgestimm-ten Medikamente im menschlichen Organismus praktisch keine Nebenwirkungen verursachen, vermutlich weil sie nicht als „Fremdkörper“ angenommen werden. Das ayurvedische Konzept hat eine große Bedeutung für die heutige Gesellschaft mit ihren verschiedenen Arten von Stress und deren Folgen, den negativen Umwelteinflüssen und der Gefahr eines Zusammen-bruchs der Gesellschaftsnormen. Ein integriertes Vorgehen in Bezug auf präventive und therapeutische Maßnahmen ist heute vor allem in westlichen Ländern zur Dämpfung der Kostenexplosion im Gesund-heitswesen wichtig. Ein Mitwirken von Ayurveda im hiesigen Gesundheitssystem müsste nicht als Konkur-renz zur modernen Medizin angesehen werden, sondern als eine effektive Ergänzung im Bereich der vie-len chronischen und psychosomatischen Krankheiten, die durch die moderne Medizin nur mangelhaft behandelbar sind. Das pathophysiologische Konzept in Ayurveda zeigt große Ähnlichkeiten zu funktionellen Vorgängen be-züglich Stress und dem Wirkungsmechanismus des Immunsystems. Eine aktive Zusammenarbeit der ay-urvedischen Ärzte mit Ärzten der modernen Medizin und anderen Naturwissenschaften würde sowohl dem gesunden als auch dem kranken Menschen dienen.
DR. MED. P. VISHWANATH RAI
Facharzt für Neurologie und Psychiatrie
Arzt für Tropenmedizin und Ayurveda
Medizinstudium und Staatsexamen in Ayurveda und moderner Medizin in Mysore, Indien. Diplom in Tropenmedizin und Parasitologie am Tropeninstitut Hamburg, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie (speziell Epileptologie) der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Münster. Doktorat der Universität Zürich. Ehemaliger Chefarzt der Schweizerischen Epilepsie Klinik Zürich und später Leitender Arzt der Ayurvedaklinik Walzenhausen. Seit 1994 eigene Praxis für Neurologie und Ayurveda in Walzenhausen. Autor verschiedener Publikationen in moderner Medizin und Ayurveda.
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August 13th, 2007 at 12:33 pm
Mich interessiert Ayurveda!
Annette Strauch, Wales & Germany.
GUTER BLOG. Ich werde öfter hineinschauen…